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Illustratation by Salih Gürkan Cakar

Ouassima: Ich habe gemerkt, inwiefern das Archivieren politisch ist, als mir die Fragen kamen: Wie archiviere ich, und was genau archiviere ich? Wer hat die Zugänge dazu, wer soll die Zugänge dazu haben? Das sind Fragen von Community Care und Sicherheit. Politisch war für mich auch die Erkenntnis, dass sich nicht alle beim Archivieren die gleichen Fragen stellen – oder stellen müssen.

Fatima: Archive dokumentieren eine bestimmte Weltsicht oder eine bestimmte Erzählung. Was ich sehr früh gemerkt habe, war, wie wichtig Erzählungen sind. Gleichzeitig gab es jedoch eine Dissonanz, weil ich in den Erzählungen nicht vorkam. Durch das Lesen habe ich zunächst eine Verbindung zu einer Community hergestellt, die eher in den USA situiert war. Durch die feministische Afrodeutsche Bewegung Mitte der 80er kam dann die Erkenntnis, dass es nicht um eine Abwesenheit in der Realität geht, sondern eine Abwesenheit in Archiven.

Es geht also darum bestimmte Positionalitäten zu dokumentieren, die sonst herausfallen, und gleichzeitig ein alternatives Narrativ zu formulieren. Dass Archive politisch sind, ist mir schon lange klar. Aber dass ich an anderen Archiven arbeite, diese Erkenntnis hat länger gedauert. Mit dem digitalen Archiv kamen dann noch einmal ganz andere Fragen auf, zum Beispiel nach der praktischen Umsetzung. Wie erzählt man und wie kann man anders erzählen? In meiner Arbeit geht es oft um Nonlinearität, aber was heißt das in der Praxis?

Elisa: Beim Archivieren habe ich mich an der vermeintlichen Neutralität oder Objektivität gestoßen. Ich hatte schon im Archäologiestudium die Aufgabe, Objekte aus Ausgrabungen zu dokumentieren. Bei Objekten wird sehr schnell offensichtlich, dass ich zum Beispiel mit einer rein verbalen Beschreibung ganz schnell an meine Grenzen komme, wenn ein Objekt unendlich viele Merkmale hat, auf die ich eingehen könnte. Gleichzeitig verlangt meine akademische Disziplin, es „richtig“ zu machen, als gäbe es nur eine richtige Art zu dokumentieren und zu archivieren.

Dokumentationsarbeit macht mich zum Filter für Menschen, die keinen Zugriff auf die Originale haben, Archivierungsarbeit entwickelt dadurch ein ganz merkwürdiges Eigenleben: Meine Interpretation ist dann vermeintlich objektiv und richtig, ohne dass das thematisiert oder kritisierbar gemacht wird. Das fand ich beklemmend.

Ouassima: Gleichzeitig ist mir bei der praktischen Archivarbeit im Rahmen des Fellowships aufgefallen, wie sensibel die Fellows waren, vor allem bei dem Aspekt, inwiefern sie selber Teil des Archivs werden. Eigentlich können wir uns nicht nicht einschreiben. Wenn wir Archivarbeit machen, sind wir Teil des Archivs. Daraus ergeben sich viele kritischen Reflexionsfragen, die wir uns stellen wollen – oder den Anspruch haben, sie uns zu stellen. Unsere Arbeit ist nicht neutral, und wir behaupten das auch nicht. Das ist der Unterschied zu anderen, und darin liegt auch viel Schönheit: Dieser praktische Blick auf die Handlung des Archivierens und die Materialisierung meiner Arbeit.

Elisa: Im Gegensatz dazu wird ein Archiv entmenschlicht, wenn es Neutralität beansprucht. Wie unehrlich ist das – und wie traurig, wenn wir als Menschen, die daran arbeiten, keinen Platz darin finden.

Fatima: Es geht nicht nur darum, uns in irgendwas einzuschreiben, also das größere Narrativ stehen zu lassen und nur unsere Communitys hinzuzufügen. Sondern es geht darum, gleichzeitig etwas zu konstruieren und etwas zu dekonstruieren und Beziehungen herzustellen. Es geht eben auch darum, Entscheidungen zu treffen und diesen Prozess sichtbar zu machen. Ein Archiv ist nicht einfach so, weil es so ist, weil es nur eine richtige Möglichkeit gibt, nur eine Wahrheit, sondern weil wir uns zu diesem und jenem entschieden haben. Das, denke ich, ist ganz wichtig. Und es verlangsamt den Prozess: wir sind oft an den Punkt gekommen, wo wir pragmatisch eine bestimmte Entscheidung treffen mussten, etwas eingrenzen mussten. Aber gleichzeitig müssen wir auch klar machen, dass das nicht das letzte Wort ist.

Ouassima: Es war ja auch voll experimentell, und das war eine der Schönheiten, finde ich. Wir denken in Prozessen und weniger in Ergebnissen. Natürlich zielen wir auf irgendetwas ab: Es soll ein Archiv geben. Aber der Prozess hat Raum geschaffen für so tiefe Auseinandersetzungen mit der eigenen Person. Auf der Webseite kann man das in den Journal-Einträgen der Fellows nachlesen.

Elisa: Du hast auch das Muslim Futures Archive erarbeitet, mit ganz anderen Inhalten. Gab es da trotzdem Parallelen für dich? Oder hast du etwas bewusst anders gemacht?

Ouassima: Dass die physisch ausgestellten Kunstwerke, die bei Muslim Futures entstanden sind, auch digital ausgestellt werden sollten, das war relativ früh klar. Aber es war eher aus dem Bedürfnis heraus, die Werke weiter genießbar und sichtbar zu machen. Das Schwarze Archiv ist weitaus akribischer, weswegen dort der Prozess unglaublich wichtig ist und auch länger dauert. Beim Muslim Futures Archive war die Herausforderung, den Kunstwerken gerecht zu werden. Es ist ein Unterschied, ob sie in einem Raum ausgestellt sind oder digital angeschaut werden können. Wie können wir das Gefühl dieser Ausstellung, die wirklich menschlichen Emotionen, die du fühlen darfst, wenn du in diesem Raum bist und die Werke genießt, ins Digitale mitnehmen und es gleichzeitig etwas anderes sein lassen?

Beim Archivieren stellen sich mir auch Fragen von Community Care und Community Safety. Dinge sichtbar und erfahrbar zu machen, ist immer auch riskant, vor allem für marginalisierte Gruppen und in diesen Kontexten. Aber die Antwort kann nicht sein, dass wir unsichtbar sind oder wählen, unsichtbar zu bleiben. Mit den Archiven machen wir genau das Gegenteil, aber und gleichzeitig ist und bleibt es riskant.

Fatima: Beim digitalen Archiv von INBEST ist das eine der herausfordernden praktischen Fragen. Wir versuchen, einen Teil allgemein zugänglich zu machen und einen Teil zu haben, der geschützt und eigentlich nur für Community ist. Das praktisch umzusetzen ist schwierig, aber es berührt natürlich größere politische Fragen. Sollen wir versuchen, so ein bisschen unter dem Radar unsere Sachen zu machen? Oder sollen wir versuchen, so viel Öffentlichkeit herzustellen wie möglich? Mir ist in letzter Zeit aufgefallen, dass die Idee, dass ein Teil geschützt sein muss, angstbesetzt ist. Wir müssen eigentlich davon ausgehen, dass er sonst angegriffen wird. Und das ist eine Verschärfung der Erkenntnis, wie sehr das Digitale auch als Waffe gegen uns verwendet werden kann. Und wie können wir damit umgehen?

Elisa: Für mich waren Archive lange nur mit der Vergangenheit verbunden, aber aus euren Erzählungen wird deutlich, wie stark sie auch Bezug zu Zukunft haben. Wie kommt es für euch zusammen, dieses Archivieren von Vergangenheiten, Gegenwarten und Zukunfte? Vielleicht du, Ouassima, ich meine, du hast das konkret gemacht, du hast zukünftige Arbeit archiviert. Wie ist das für dich?

Ouassima: Zeit ist nicht linear, sondern zyklisch oder relational. Das Jetzt informiert, sowohl das Vergangene als auch das Zukünftige, wenn wir darüber nachdenken, wer schreibt Geschichte, wie wird Geschichte erzählt und deswegen auch umgeändert oder umgedeutet.

Hinter Muslim Futures stand die Frage, was passiert eigentlich, wenn wir gerechtere Zukünfte imaginieren aus so einer radikalen, unapologetically muslimischen Perspektive, die künstlerisch informiert sein darf und die fernab von allen Fremddeutungen der Imagination freien Lauf lässt. Und das, ohne zu negieren, welche Gewalt jetzt existiert oder schon war. Das ist, wenn man möchte, eine Werkzeugkiste, aus der wir immer und immer wieder schöpfen können. Der Teil im Gehirn, der aktiviert wird, wenn wir erinnern, ist nämlich der gleiche, der aktiviert wird, wenn wir imaginieren. Das heißt, wenn wir uns Dinge neu vorstellen, schöpfen wir immer auch ein bisschen aus unseren Erinnerungen. Und Erinnerungen nicht nur unseren eigenen, sondern eben auch aus dem, was wir so konsumieren. Die Bilder, die uns erzählt werden davon, wie Zukunft auszusehen hat. Was wir schon gesehen haben, was wir kennen, was wir geschmeckt, gehört und das, was sein könnte, ist sehr, sehr stark miteinander verwoben. Und diese Beziehung für jetzt festzuhalten, das ist die Idee hinter dem Archivieren von Zukunft, das eben nicht linear ist. Wenn wir wiederum die Vorstellungen von heute für morgen festhalten, dann können wir auch daraus wieder schöpfen. Das ist wie ein Zeitzeugnis dafür, was dann vielleicht wahr geworden sein wird und was nicht.

Fatima: Das schließt sehr an die dekoloniale Theorie an, mit einer Rückkehr zu Alternativen zur linearen Zeit. Afrofuturismus versucht eine Gegengeschichte zu schreiben, die außerhalb der dominanten Logik ist. Der Kontext, in dem Afrofuturismus entstanden ist, hat Schwarze Menschen völlig außerhalb des Kontextes Menschsein gestellt, und er war eine radikale Form, damit umzugehen. Imagination und auch das, was nicht objektiv-faktisch ist, spielen da eine große Rolle. Ich glaube, mit dem digitalen Archiv sind wir nicht ganz so ambitioniert. Da geht es eher darum, Sachen zu sammeln und sichtbar zu machen. Denn viele Sachen, die für mich prägend waren, die kennen meine Studierenden überhaupt nicht, weil sie da noch nicht geboren waren und die Quellen, die sie zu dieser Zeit haben, die sind geprägt vom dominanten Narrativ. Es geht immer darum, wie wir diese marginalisierte Geschichte vermitteln können, und sie muss vermittelt werden. Das passiert nicht automatisch.

Und die Vergangenheit wird immer aktiviert, um die Zukunft zu imaginieren und die Gegenwart zu rechtfertigen. Und deswegen reicht es nicht, dass irgendwas passiert, dass wir irgendetwas tun. Es muss auch archiviert werden. Das Archiv wird dann immer wieder und auf verschiedene Arten gelesen. Wir versuchen das Digitale Archiv auf eine Art zu konstruieren, die es anderen erlaubt, etwas anderes damit zu machen.

Diese Vorstellung von linearer Zeit hat ganz viel zu tun mit dem Gefühl, Kontrolle zu haben, nicht nur über die Zukunft, sondern auch über das Jetzt und über die Vergangenheit. Und ich glaube, was Muslim Futures, versucht, was Afrofuturismus versucht, ist, das eben nicht zu machen, sondern im Bereich zu bleiben, wo diese Offenheit und auch diese Wechselwirkung zwischen Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart bewusst bleibt.

Digital Black European Archive

The digital archive is part of the Intersectional Black European Studies project, which addresses the challenges posed by the transnational and multilingual formation of the African diaspora in Europe (and elsewhere) on the one hand, and by the marginalising of Black knowledge production in European societies, including institutions like museums and universities, on the other. The digital archive, initiated in 2022, will both facilitate the digitisation of physical documents and allow for a mapping of sites of knowledge production and archiving across Europe. The digital archive also serves as a map of Black Europe, contextualising materials in their location, supplementing them with interviews, oral histories and other materials.

Muslim Futures Archive

Muslim Futures Archive ist die digitale Fortführung unserer analogen MUSLIM FUTURES NOW Ausstellung vom Januar 2024. Zweisprachig und multimedial macht das Archiv Stimmen, Bilder, Erinnerungen und Zukünfte zugänglich – zum Weiterspinnen, Weiterträumen, Weiterdenken. Es ist ein lebendiges Archiv von Zukünften – nicht als Vorhersagen, sondern als gelebte Entwürfe, Erinnerungen an das Noch-Nicht und Spuren des Möglichen.

 

Hum of Our Hearts
(Un-)freie Zukünfte: Rechtsvorstellungen in den Grenzen der Vergangenheit
Trotzdem – über Imagination als politische Praxis
How to Make Scents of the Future
“Für alles, was nicht ist, aber sein könnte..”
On Grieving
Black Evolutionist Manifesto
Die Archivierung von Zukünften und die Politiken der Archivierung.
Looking into your defiant eyes, I seek comfort in the unknown.
By the Time: Imagining Futures, Disrupting Epistemologies
Linking pasts, presents and futures in a quest for unity
On Beginnings: A reflection on Muslim Futures
Editorial Letter: Muslim Futures — Weaving Dreams beyond Times and Spaces
Foreword: Muslim Futures – Envisioning the In-Betweens
Letter from the editors
Interview: The hidden toll of women in content moderation
A fight for generations
Visions of the unseen architect
Stories for Revolution
Obtrusive Relationships
Gathering Multitudes: A bag of stars
Fugitive Memory: for Tu’i Malila
“The Quizumba is On”: Technological Appropriation by Black Women in the Amazônia
No
Big Green Lies
Letter from the Editors
A guide to the visceral science of time travel
The Unbounded Quest
An interview with Joana Varon
An interview with Jonathan Torres Rodríguez
An interview with futures leader Anab Jain
Where would you like to place your pet giraffe?
Afropresentism – On Incantation and the Machine
Letter from the Editors
A Few Notes on the Cult of Sylphis
Speculative Tourism
Letter from the Editors
Tending to wildness: field notes on movement infrastructure
Aveia, espaçonaves, uma folha de babosa, uma pélvis: fui coletar trechos Oats, spaceships, an aloe leaf, a pelvis: I went to collect parts of the future and decided to turn around.
Προφορικό ποίημα για την προέλευση των Δικτύων Εμπιστοσύνης Narrative Poem about the Origins of Networks of Trust
The Battle to Control the Carbon Media Cycle
Archive of Disappearances
Prototyper la Banlieue du TURFU et transcender la réalité
To Become Undone
Digital artivism: pictures worth thousands of words
Ratios / Proporciónes
Shadow Visions
Letter from the Editor
Future Perfect Continuous
Be Water –  Insights into the Hong Kong protest movement
Care in a techno-capitalist world
HammamRadio, your feminist-love radio station
One Vision, One World. Whose World Then?
Play, imagine, build – the collective verbs
Venezuela – the dual crisis
Letter of the Editor
Terraforms – Or, How to Talk About The Weather
On Persistence: The Past Art/Works of An/Other Future
What the Enlightenment Got Wrong about Computers
Community Learning at Dynamicland
Imagining a Universal Declaration of Digital Rights
An interview with Audrey Tang
Dream Beyond the Wounds
The Blurring
More than HumanCentered Design
The Unpredictable Things
When the Path We Walked Blocks Our Ways Forward
Letter of the Editor
A viewpoint on Craft and the Internet
Who Controls the Internet?
Ethical Tech around the World
Interview with Gillian Crampton Smith
Life & Death
Typographic Craft
The Internet as a Lota
A Medieval Crash
A Gandhian Dream
Evolutionary Craft