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Illustratation by Salih Gürkan Cakar

Das hier ist ein Text über Trotzdems. Ein Text über die Notwendigkeit von Imagination als politische Praxis. Über die Potenziale und die Wirkungsräume kritischer Zukünftearbeit. Wie sie uns helfen kann, alternative und mutige Visionen zu entwerfen und Maßnahmen zu entwickeln, die diese Visionen Wirklichkeit werden lassen. Und darüber, wie schwierig das manchmal sein kann.

In seinem 1922 erschienenen, zugegebenermaßen eher schwer verständlichen ‚Tractatus‘ beschreibt Ludwig Wittgenstein, wie Sprache unsere Wahrnehmung und Wirklichkeit prägt: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Was aber, wenn wir Welten denken möchten, für die es noch keine Sprache gibt? Können wir Wirklichkeitsräume imaginieren und manifestieren, für die noch keine Sprache existiert? Wittgenstein würde dies vielleicht verneinen – nur um hinzuzufügen: „Trotzdem rennen wir gegen die Grenzen der Sprache an.“

Trotzdem.

Dieses gleichermaßen frustrierende wie faszinierende Trotzdem hat mich schon früh zur Sprache und zur Literatur hingezogen – lange bevor ich überhaupt von Wittgenstein gehört hatte. Lange bevor ich überhaupt Worte für diese widersprüchlichen Gefühle hatte. Was für ein Glück, dass dieses Trotzdem Teil meiner, unserer Arbeit bei SUPERRR ist und sein darf. SUPERRR ist ein kleines Team von Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, digitalpolitische Themen werteorientiert und ganzheitlich zu bearbeiten, um auf gerechtere Zukünfte hinzuarbeiten. Mit Ansätzen und Methoden der kritischen Zukunftsforschung und in Kollaboration mit Menschen, die von den negativen Folgen digitaler Technologien wie z. B. Überwachung oder Diskriminierung besonders betroffen sind, versuchen wir Maßnahmen und Orientierungslinien zu entwickeln, die im Hier und Jetzt dafür sorgen, bessere Zukünfte möglich zu machen.

Im Frühjahr 2024 starteten wir das Pilotprojekt ‚Futures Literacy for Civil Society‘. Gemeinsam mit 15 Personen aus 12 zivilgesellschaftlichen Organisationen wollten wir erproben, wie Zukünftearbeit als politische und (zivil-)gesellschaftliche Praxis gestaltet werden kann. Immer wieder hatten wir in unserer Arbeit erlebt, wie Zukünfteprozesse dabei helfen, den Blick zu weiten und neue Möglichkeitsräume zu erschließen. Diese Erfahrungswerte wollten wir teilen. Gleichzeitig spürten – und spüren – wir eine enorme politische und gesellschaftliche Dringlichkeit: Nationalistische und faschistische Bewegungen, Abschottungspolitik, Militarisierung, die Beschneidung von Grund- und Menschenrechten, wachsende soziale Ungleichheit – die Herausforderungen sind zahlreich.
Und Trotzdem.

Es gibt eine Frage des Philosophen, Schriftstellers und Aktivisten Bayo Akomolafe, die mich über die letzten Monate oft begleitet hat: “What if the way we respond to the crisis is part of the crisis?” Ich kenne viele Menschen, die die letzten Jahre trauriger, hoffnungsloser oder abgestumpfter gemacht haben. Menschen, denen es schwerfällt, sich gerechtere und bessere Zukünfte vorzustellen. Menschen, die sich lange engagiert und für Veränderungen eingesetzt haben, sind müde und erschöpft. Das Gefühl von Ohnmacht – ohne Macht sein – das Gefühl der mangelnden Wirksamkeit in der Welt tötet die Vorstellungskraft. Umgekehrt: Wie soll eine Vorstellung Wirklichkeit werden, wenn wir sie nicht imaginieren, träumen und verkörpern können? Oder um mit Wittgenstein zu fragen: Wenn uns die Sprache dafür fehlt? “So much of the work of oppression is policing the imagination”, bringt die Literaturwissenschaftlerin Saidiya Hartman so präzise den Zusammenhang zwischen Imaginations- und Unterdrückungspraktiken zum Ausdruck. Tatsächlich werden Visionen einer gerechteren Welt allzu oft als unerreichbare Utopien abgetan. Erzählungen des Status quo dienen als Maßstab für vermeintlich ‚realistischere‘ Zukunftsszenarien. Das hat und ist System, denn die Erzählungen zementieren bestehende Machtverhältnisse und verstärken Momente der Macht wie Ohnmacht. Akomolafes Gedankengang folgend, erkennen wir, dass unsere Reaktion auf die Krisen dieser Welt vor allem eine Reproduktion des Status quo ist. Ein Status quo, der bestimmten Perspektiven und Interessen dient – etwa kapitalistischen oder nationalistischen Logiken – während andere Positioniertheiten, Werte und Glaubenssysteme außen vor bleiben. Gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen begegnen wir oft mit eingeübten Denkweisen und Ansätzen. Und das, obwohl wir täglich spüren, dass es so nicht weitergehen kann. Wenn die Art und Weise, wie wir reagieren, Teil der Krise ist, brauchen wir alternative Formen des Umgangs. Wir brauchen Begegnungen und Erlebnisräume, die unser Denken und unsere Vorstellungskraft erweitern und uns Wirklichkeiten jenseits bekannter Strukturen vorstellen lassen.

Diese Räume existieren bereits – gestaltet von Menschen, die allen Erzählungen des Status quo zum Trotz nicht nur alternative und wünschenswerte Zukunftsräume entwerfen und verkörpern, sondern auch das dafür notwendige Werkzeug an die Hand geben. Denken wir nur an die von der adrienne maree brown entwickelten Emergenzstrategien, an die von Emilia Roig gestartete kollaborative Plattform und Publikation ‚The Big Shift‘ oder an die Arbeiten von Futurist*innen wie Sohail Inayatullah, Ivana Milojević oder Moshen Zer-Aviv. “Moving at the speed of trust“ (mit adrienne maree brown) brauchen wir mehr Versuchsanordnungen mit unbekanntem Ausgang, mehr gemeinschaftliche Prozesse voller Verbundenheit und Vertrauen – mal behutsam und zögerlich, mal mit dem Kopf durch die Wand. Kleine und große Erschütterungen, die Grenzen porös machen, Selbstverständnisse und Grundannahmen in Frage stellen und alternative Möglichkeitsräume Wirklichkeit werden lassen.

Mit ‚Futures Literacy for Civil Society‘ haben wir dem Netzwerk bestehender Räume eine weitere Versuchsanordnung hinzugefügt – ein Programm voller Trotzdems. Denn Zukünftearbeit erfordert zeitliche, finanzielle und mentale Ressourcen, die nicht allen Menschen in gleichem Umfang zur Verfügung stehen. Gerade zivilgesellschaftliche Organisationen – und insbesondere solche, die von marginalisierten Personen und Communities geleitet werden und/oder sich für deren Rechte einsetzen – sind oft nicht nur mit aktuellen Missständen und Schadensbegrenzung beschäftigt, sondern stehen auch unter Fundraising- und politischem Rechtfertigungsdruck.

Strukturellen Hürden, systemischen Benachteiligungen und Vielfachbelastungen können wir nur sehr begrenzt entgegenwirken – auch weil wir uns als gemeinnützige Organisation selbst in Förderabhängigkeiten bewegen. Diese Abhängigkeiten verhindern in vielen Fällen Langfristigkeit, Beziehungsaufbau und Prozessbegleitung. Und unser kleines Team arbeitet oft selbst an der Grenze seiner Belastbarkeit. Versucht haben wir es Trotzdem, etwa indem wir ehrenamtliche Teilnehmer*innen für ihre Zeit entschädigt, Inhalte an den konkreten Bedarfen und Fragestellungen der Teilnehmer*innen ausgerichtet und uns nach Ende des Programms bemühen, sie so gut wie möglich weiter zu begleiten. Es fühlt sich zu wenig an. An vielen Tagen wechseln sich Gefühle der Hoffnung und der Dankbarkeit für diese gemeinsamen Vorstellungs- und Begegnungsräume mit Gefühlen der Frustration und Unzulänglichkeit ab. Und mit Wut darüber, dass Zukünftearbeit, die auf Verbundenheit, Gerechtigkeit und Fürsorge setzt, so oft als utopische Spielerei abgetan wird.

Was wäre, wenn wir stattdessen Utopien in unsere Möglichkeitsräume integrieren? Wenn wir sie nicht als Orte, sondern als Bewegungen, als gemeinsame räumliche und zeitliche Prozesse verstehen? – Utopien als Wegweiser und Leitlinien, als ein kontinuierliches Ertasten, Erfühlen und Annähern an hoffnungsvolle und ersehnte Zustände?

Es gibt ein Gedicht von Eduardo Galeano, das mich sehr an Wittgensteins eingangs erwähntes Zitat erinnert – in der Bildlichkeit der Bewegung, im Trotzdem:

“She’s on the horizon… I go two steps, she moves two steps away. I walk ten steps and the horizon runs ten steps ahead. No matter how much I walk, I’ll never reach her. What good is utopia? That’s what: it’s good for walking.”

Let’s keep walking. Trotzdem.

Hum of Our Hearts
(Un-)freie Zukünfte: Rechtsvorstellungen in den Grenzen der Vergangenheit
Trotzdem – über Imagination als politische Praxis
How to Make Scents of the Future
“Für alles, was nicht ist, aber sein könnte..”
On Grieving
Black Evolutionist Manifesto
Die Archivierung von Zukünften und die Politiken der Archivierung.
Looking into your defiant eyes, I seek comfort in the unknown.
By the Time: Imagining Futures, Disrupting Epistemologies
Linking pasts, presents and futures in a quest for unity
On Beginnings: A reflection on Muslim Futures
Editorial Letter: Muslim Futures — Weaving Dreams beyond Times and Spaces
Foreword: Muslim Futures – Envisioning the In-Betweens
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Interview: The hidden toll of women in content moderation
A fight for generations
Visions of the unseen architect
Stories for Revolution
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Gathering Multitudes: A bag of stars
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“The Quizumba is On”: Technological Appropriation by Black Women in the Amazônia
No
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A Few Notes on the Cult of Sylphis
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The Battle to Control the Carbon Media Cycle
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Ratios / Proporciónes
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Be Water –  Insights into the Hong Kong protest movement
Care in a techno-capitalist world
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One Vision, One World. Whose World Then?
Play, imagine, build – the collective verbs
Venezuela – the dual crisis
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On Persistence: The Past Art/Works of An/Other Future
What the Enlightenment Got Wrong about Computers
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Imagining a Universal Declaration of Digital Rights
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Dream Beyond the Wounds
The Blurring
More than HumanCentered Design
The Unpredictable Things
When the Path We Walked Blocks Our Ways Forward
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A viewpoint on Craft and the Internet
Who Controls the Internet?
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Interview with Gillian Crampton Smith
Life & Death
Typographic Craft
The Internet as a Lota
A Medieval Crash
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Evolutionary Craft