
Koloniale Denkweisen haben unsere Vorstellungen von Recht und Sicherheit tief geprägt – wie Gravuren in Stein, die trotz der Erosion der Zeit fortbestehen. Sie diktieren, welche Gefahren als dringlich gelten, wer als schutzwürdig anerkannt wird und wessen Perspektiven konsequent ausgeblendet werden. Diese historischen Machtverhältnisse sind keine starren Relikte, sondern dynamische Mechanismen, die unsere Gesetze und Sicherheitsarchitekturen bis heute durchziehen und unser Verständnis von Gerechtigkeit untergraben. Wie können wir das Recht so rekonstruieren, dass es nicht länger auf Kontrolle und Ausschluss basiert? Wie können wir stattdessen Räume für Heilung und kollektives Wachstum schaffen?
Ein alternatives Skript beginnt bei der Vorstellung eines transformierten Rechtssystems. Eines, das sich der Vergangenheit nicht verschließt, sondern diese als Ausgangspunkt annimmt. Nicht als Gefängnis, sondern als Fundament für Gerechtigkeit, das die Vulnerablsten ins Zentrum rückt und über zeitliche und räumliche Grenzen hinaus Gerechtigkeit ganzheitlich imaginiert.
Es ist ein unbestimmtes Jahr. Die Kamera schwenkt durch eine pulsierende Metropole. Der Blick richtet sich auf Fatima, die ein Gerichtsgebäude betritt – ihre Schritte, getragen von einer unsichtbaren Last aus Geschichte und Unterdrückung. Die Luft flimmert, als wäre der Raum von den Geschichten all jener durchzogen, die hier bereits vor ihr für Gerechtigkeit eintraten. Es gibt keine Hochsicherheitszonen, keine biometrischen Scanner an den Eingängen, keine permanente Polizeipräsenz.
Fatima ist die Nachfahrin einer stolzen Beduinengemeinschaft, die vor Jahrzehnten durch koloniale Gewalt und wirtschaftliche Interessen aus ihrer Heimat vertrieben wurde. Internationale Konzerne beanspruchten das Land, während vermeintliche Sicherheitskonzepte das hohe Gut des Friedens dem Zugriff auf Ressourcen unterordneten. Heute tritt sie vor Gericht, nicht nur für sich selbst, sondern für eine Gemeinschaft, deren Geschichte und Erbe in ihrer Stimme weiterleben. Sie fordert die Rückgabe des Landes, die Anerkennung kultureller Verluste und eine Entschädigung für Jahrzehnte der Ausbeutung und Entrechtung.
Doch Fatima verlangt mehr als Wiedergutmachung. Sie fordert eine tiefgreifende Transformation: eine Sicherheitslogik, die nicht länger Muslim*innen als Bedrohung identifiziert, sondern die kulturelle und religiöse Identität ihrer Gemeinschaft als gleichwertig schützt und respektiert. Ihre Klage ist ein Akt der Wiederherstellung – nicht nur für ihre Familie, sondern für alle, deren Leben durch koloniale Gewalt und moderne Sicherheitsarchitekturen entmenschlicht wurde.
Das Gerichtsgebäude, in dem sich Fatima befindet, bricht auch mit Blick auf seine Gestaltung und Struktur mit den traditionellen Sälen der Macht. Es ist ein Raum, der die Grundideen von Recht und Gerechtigkeit architektonisch neu denkt. Keine erhöhten Richterbänke dominieren den Raum, keine kalten Marmorwände, keine Aura des Erhabenen. Stattdessen ist der Raum kreisförmig gestaltet – ein Symbol der Gleichheit. Die Stühle sind niedrig und keiner überragt den anderen, Pflanzen und Kunstwerke schmücken die Wände. In der Mitte steht eine Sanduhr, die verdeutlicht, dass die Vergangenheit untrennbar mit der Zukunft verbunden bleibt – ein ständiger Fluss, geprägt von Widerstand und Transformation.
Die Richterschaft, ein diverses und interdisziplinäres Gremium. Sie sind keine allmächtigen Figuren hinter einem erhöhten Podium, sondern Teil eines Kreises, der Gleichheit und Respekt symbolisiert. Sie hören zu. Es ist eine öffentliche Anhörung, in der die Geschichte von Fatimas Volk erzählt wird – nicht nur von den Betroffenen, sondern auch von Historiker*innen, Aktivist*innen und Zeug*innen, die jahrzehntelang ignoriert wurden.
Es ist nicht nur ein Ort der Klärung, sondern auch der Neubewertung und Neuorientierung. Das Erzählen wird zur Grundlage kollektiver Gerechtigkeit, indem es den Betroffenen die Möglichkeit gibt, die Geschichten ihrer Gemeinschaft über Generationen hinweg zu teilen.
Das Rechtssystem wurde transformiert. In dieser neuen Rechtspraxis wird anerkannt, dass das Prinzip der Gerechtigkeit über allem steht. Das Rechtssystem erkennt nicht nur individuelle, sondern auch kollektive Rechte an. Diese kollektiven Rechte erweitern den Fokus des Rechtssystems, indem sie Gemeinschaften als Rechtssubjekte anerkennen. Sie schützen Menschen, Kulturen, Traditionen und Lebensweisen. Fatimas Klage basiert auf dem Prinzip der historischen, systematischen Verantwortung. Dieses Prinzip besagt, dass Staaten, Unternehmen und Institutionen Verantwortung für die Verbrechen übernehmen müssen, die sie ermöglicht haben oder von denen sie profitierten. Dabei geht es nicht nur um individuelle Schuld, sondern um die Anerkennung und Aufarbeitung struktureller Mechanismen, die über Generationen hinweg Ungleichheit und Unterdrückung verstärkt haben. Dieses Prinzip korrigiert die über Jahrhunderte vorherrschende enge Sichtweise individueller Kausalität, die zur Folge hatte, dass staatliche Maßnahmen und das Handeln globaler Unternehmen oft nicht als unmittelbar verantwortlich angesehen wurden und somit rechtlichen Konsequenzen entgehen konnten. Das bedeutet, dass früher vor allem direkte Verursacher für Schäden oder Menschenrechtsverletzungen belangt wurden, während komplexere, strukturelle oder kollektive Verantwortlichkeiten – etwa durch politische Entscheidungen oder die Schaffung wirtschaftlicher Abhängigkeiten – nicht berücksichtigt wurden. Dieses Prinzip ermöglicht nun, auch solche indirekten oder systemischen Verantwortlichkeiten rechtlich einzufordern. Es gilt auch: „Unrecht wirkt fort.“ Dieses Prinzip erkennt an, dass die Folgen historischer Verbrechen nicht einfach verjähren, sondern dass sie fortwirken, etwa in Form ökonomischer Ungleichheiten, kultureller Verluste und ökologischer Zerstörung. Das Gericht hört sich an, wie koloniale Ausbeutung die Grundlage heutiger Vermögen bildet und wie kulturelle Verluste bis heute in Fatimas Leben nachwirken. Gerechtigkeit ist hier kein Privileg (derer, die es sich leisten können) – sie ist ein universelles Recht, das jedem Menschen zusteht.
Während Fatima spricht, füllen holografische Projektionen den Raum. Die Vergangenheit wird sichtbar: Historische Karten zeigen die einstigen Gebiete ihrer Gemeinschaft, Handelsrouten und florierende Siedlungen. Koloniale Infrastrukturen überlagern das Bild, durchschneiden die Lebensadern des Volkes und verändern es unwiderruflich. Die Projektionen illustrieren, wie ihr Volk hätte leben können, wenn es nicht systematisch ausgelöscht worden wäre – es erscheinen nachhaltige Technologien, kulturelle Innovationen, Wege der Wissensweitergabe. In diesem Kreis entsteht ein stiller Dialog zwischen Vergangenheit, Gegenwart und einer gerechten Zukunft – gleichberechtigt, zuhörend, transformierend.
Eine alternative Zukunft nicht ohne, sondern in Verbindung und durch die Integration aus den Lehren der Vergangenheit. Kollektive Rechte, die Anerkennung historischer Verantwortung – diese Konzepte erscheinen radikal, weil die Gegenwart sie konsequent unterdrückt. Die Spuren der Vergangenheit – jene Gravuren, die trotz der Erosion fortbestehen – sind unausweichlich: Keine völlige Freiheit, aber auch keine reine Kontinuität, sondern ein stetiger Tanz zwischen Ursachen, Wirkungen und Widerstand.